Donnerstag, 26. Januar 06

Meinung: "Beim Urheberrecht nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen"

 

Von Dipl.-Kfm. Reiner Kafitz, Herausgeber von Media-Infodienst.de

 

Was ist die Ursache für die überzogenen Forderungen und Klagen der Musikindustrie im Rahmen der Novellierung des Urheberrechts? Der Musikindustrie fehlen weltweit seit Jahren die Konzepte, Musik erfolgreich zu verkaufen. Zugespitzt: Seit einigen Jahren wird versucht, Musik ohne Musiker zu vermarkten. Das kann nicht funktionieren. Natürlich sind Künstler unbequem, oft unberechenbar und zum Teil sehr nervig, aber nur mit Charakterköpfen können sich Hörern identifizieren. Für flache, schnelllebige Produkte will niemand wirklich Geld ausgeben.

 

Als vor Jahren eine neue CD von Herbert Grönemeyer herauskam, hatte diese bereits vor dem Erscheinungstermin Platin. Der Grund für den Erfolg: Dieser Künstler ist nicht stromlinienförmig durchdesigned, sondern pflegt seine Ecken und Kanten. Die Lieder sind mit Herzblut geschrieben und gesungen, und das macht das Produkt sympathisch und begehrenswert. Und dafür geben Leute gerne Geld aus.

 

Außerdem wurde es jahrelang versäumt, das Internet konstruktiv als Vertriebskanal auf- und auszubauen. Stattdessen setzte man ausschließlich auf gesetzliche Änderungen. Hätten sich die Musikanbieter stattdessen zusammengeschlossen und ihre Musik legal und kostenpflichtig als Download angeboten, hätten dies mit Sicherheit viele Internetnutzer gerne angenommen. Ein absoluter Nichtkonkurrent aus einem ganz anderen Markt hat der Musikindustrie vor zwei Jahren vorgemacht, wie man damit Geld verdienen kann. Apple, ein Konzern, der mit der Musiknutzung bisher absolut nichts zu tun hatte, hat der Musikindustrie gezeigt, wie es wirklich gehen kann.

 

Die verfehlte Geschäftsstrategie der Musikindustrie müssen jetzt unsere Kinder ausbaden. Unsere Schulhöfe sollen kriminalisiert werden. Aber Kopien hat es schon vor vierzig Jahren gegeben. Wir saßen am Radio, mit Mikrofon oder Überspielkabel und haben auf Kassette überspielt. Heute geht das natürlich auf einem qualitativ höheren Niveau und deutlich komfortabler. Dennoch ist es ein kompletter Irrglaube, davon auszugehen, dass jede kopierte CD einer nicht verkauften CD im Laden entspricht. Es gibt Musik, die man sich schon mal gerne anhört, für die man aber niemals 15,00 Euro und mehr bezahlen würde. Dann lieber ganz darauf verzichten.

 

Bei intelligenten Geschäftsmodellen versucht man, Kinder und Jugendliche über besondere Benefits zu gewinnen, um sie später im Erwachsenenalter, wenn sie vernünftig Geld verdienen, als zahlungskräftige Kunden zu haben. Die Musikindustrie gönnt sich aber den Luxus, ihre Kunden von Morgen und Übermorgen heute schon zu verärgern. Geärgert haben sich auch viele Kinobesucher, die sich in der Vergangenheit die weit über die Geschmacksgrenze hinausgehenden Drohfilmchen der Musik- und Filmindustrie anschauen mussten. Da fängt man ernsthaft an zu überlegen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man sich den Hauptfilm zu Hause „in Ruhe“ im Internet angesehen hätte. So werden die ehrlichen Zuschauer auch noch bestraft.

 

Fahndungserfolge der entsprechenden Interessensorganisationen werden groß aufgehängt, aber kein Mensch spricht davon, dass die meisten dieser Aktionen später im Sande verlaufen und die wirklichen Verbrecher, die kräftig Geld damit verdient haben, mit Peanuts-Strafen davon kommen und weiter machen können.

 

Natürlich ist bei aller Kritik der Schutz von Urheberrechten wichtig. Wenn jemand geistiges Eigentum schafft, hat er ein Recht, für die Nutzung entsprechend Geld zu bekommen. Dieser Punkt ist und bleibt vollkommen indiskutabel. Die Frage ist aber, wie ein vernünftiger Interessensausgleich gewährleistet wird, der praktikabel und bezahlbar ist und für alle Seiten eine Win-Win-Situation darstellt. In solche Lösungen sollte man Kraft und Gehirn investieren und nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen.

 

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